Um das neunte Lebensjahr herum beginnt für viele Kinder eine neue Entwicklungsphase. Die selbstverständliche Geborgenheit der frühen Kindheit verändert sich, und das Kind beginnt stärker zu spüren: Ich bin ein eigener Mensch. Damit kommen neue Fragen, mehr Nachdenken, manchmal Unsicherheit, manchmal auch Abstand zu dem, was zuvor selbstverständlich war.
Rudolf Steiner bezeichnete diesen Übergang als das Überschreiten des Rubikons – eine innere Schwelle, nach der die Welt nicht mehr ganz dieselbe ist. Und genau hier antwortet die Waldorfpädagogik nicht nur mit Gesprächen, sondern mit konkretem Tun.
Bevor der erste Stein gesetzt wurde, haben sich die Kinder rund zwei Wochen lang sachkundig mit dem Thema Hausbau beschäftigt. In ihren Epochenheften entstand dabei ein Bautagebuch, in dem sie täglich die einzelnen Bauabschnitte, ihre Tätigkeiten und ihre ganz persönlichen Erlebnisse festhielten.
Anschließend folgten zwei Wochen konkrete Bauphase. Die Kinder arbeiteten mit Holz, Stein, Mörtel, Lehm, Werkzeugen und echten Aufgaben. Sie erlebten: Ein Fundament trägt. Wände geben Halt. Und Schritt für Schritt entsteht etwas Ganzes. Dabei wurde darauf geachtet, dass jedes Kind alles ausprobieren durfte. Mauern, schrauben, sägen, das Dach decken.
Zwei besondere Momente begleiteten die Epoche: die Grundsteinlegung zu Beginn und die Firstfeier zum Abschluss. Zwei Feste, die das gemeinsame Tun feiern und sichtbar machen.
In diesem Jahr baute unsere dritte Klasse eine Pausenhütte. Im vergangenen Jahr entstand ein Haus für den Spielplatz, davor ein Fahrradunterstand. Jede Klasse hinterlässt etwas Bleibendes – etwas, das für die Gemeinschaft da ist. Begleitet wurden die Kinder dabei von Lehrer*innen und fachkundigen Eltern, mit Erfahrung und Vertrauen. Denn Bauen geschieht, genau wie Erziehen, niemals allein.

Und vielleicht ist genau das das Wichtigste: Wenn Kinder erleben, dass ihre eigenen Hände etwas Sinnvolles erschaffen können, wächst mit jedem Stein und jedem Brett auch etwas in ihnen selbst – Selbstvertrauen, Verantwortung und das Gefühl: „Ich kann etwas in dieser Welt bewirken.“
Alle Fotos © Susanna Leiter-Gadenstätter











